Ausgangspunkt ist eine Beobachtung: Überraschend viele hochbegabte Kinder zeigen Symptome, die wie eine klassische Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) aussehen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass es sich bei vielen dieser Kinder gar nicht um eine klassische LRS handelt — sondern um eine falsche Lese- und Schreibtaktik, die durch eine für sie unpassende Grundschuldidaktik hervorgerufen wurde. Für die betroffenen Kinder wird Lesen und Schreiben dadurch zur Qual, obwohl die Intelligenz da wäre, um es mühelos zu können.
Das Phänomen: die ineffiziente Lese- und Schreibtaktik
Viele hochbegabte Kinder entwickeln eine Lese- und Schreibtaktik, die am eigentlichen Denkprozess vorbeiläuft: Sie lesen und schreiben, ohne dass sich dabei ein inneres Bild vom Wort und seiner Schreibweise einprägt. Das Gehirn kompensiert diese Lücke mit hoher Intelligenz — das Kind kommt trotzdem durch, aber auf einem ineffizienten Weg. Nach außen wirkt das wie eine klassische Lese-Rechtschreib-Schwäche, dabei fehlt schlicht das mentale Bild, das normalerweise beim Lesen entsteht.
Woran Eltern es erkennen können
Typische Anzeichen sind eine auffällige Abneigung gegen das Lesen, obwohl das Kind Geschichten und Vorlesen an sich liebt. Beim lauten Lesen wirkt es stockend und abgehackt, oft ohne dass wirklich verstanden wird, was gerade gelesen wurde. Mit der Zeit entwickelt sich häufig ein „kreatives" Lesen, bei dem Wörter ergänzt, weggelassen oder verändert werden — Comics werden dabei manchmal gerne gelesen. Beim Schreiben zeigt sich ein buntes, wechselndes Fehlerbild, das sich nicht zuverlässig reproduzieren lässt und sich bei Ermüdung deutlich verschlechtert. Auffällig ist außerdem, dass sich die Symptome mit steigendem Alter eher verschlimmern statt verbessern.
Warum Standard-Therapie hier ins Leere läuft
Klassische LRS-Förderung setzt an den Symptomen an und arbeitet mit kleinschrittigen Übungen, die auf hoher Wiederholung beruhen. Genau das ist bei hochbegabten Kindern das Problem: Sie ertragen diese Art von repetitiven, kleinteiligen Aufgaben schlecht — die Ursache liegt aber ohnehin nicht im Symptom, sondern in der zugrunde liegenden Taktik. Eine Therapie, die immer wieder dasselbe üben lässt, geht deshalb an der eigentlichen Ursache vorbei.
Was im Termin passiert
Im Termin wird dem Kind eine neue Lese- und Schreibtaktik gezeigt — vorstellbar als ein veränderter Fokus und eine andere Blickweise auf Buchstaben und Wörter. Statt weiter eine ineffiziente Taktik zu nutzen, die zu viel kognitive Energie verbraucht, kann das Kind dadurch seine kognitiven Stärken sofort einsetzen. Das führt oft zu überraschend schnellen Verbesserungen.
Welches Muster im Einzelfall vorliegt, zeigt sich erst im Blickverlauf während der Sitzung.
Häufige Fragen
Mein Kind hat bereits eine LRS-Diagnose – passt das Angebot trotzdem?
Ja. Eine bestehende LRS-Diagnose ist kein Ausschlusskriterium — im Gegenteil: Gerade bei hochbegabten Kindern mit einer solchen Diagnose lohnt sich oft eine zweite Perspektive, da die eigentliche Ursache anders liegen kann als angenommen.
Muss eine formale Hochbegabtendiagnostik vorliegen?
Nein. Auch Testwerte knapp unterhalb der klassischen Hochbegabungsschwelle passen häufig ins Bild.
Für welche Altersgruppen zeigt sich das Phänomen?
Es beschränkt sich nicht auf die Grundschulzeit. Wenn die zugrunde liegende Taktik nie korrigiert wird, zeigt sie sich oft weit über die Grundschule hinaus — bis ins Erwachsenenalter.
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